Reiseberichte

Reisebericht von unserem Kollegen Ulrich Koffke, der die Radreise "Rund um das IJsselmeer" geradelt ist.

Für das Jahr 2014 hatten wir mit einer Gruppe von 10 Personen aus Oldenburg die Radreise "Rund um das IJsselmeer" gebucht. Vom 10.09. - 16.09. - die Variante 7 Tage/6 Nächte

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Reisebericht von unserem Partner für unsere Reise "Provence Genießer".

Unser Kollege hat diese Reise vom 14.04 bis 20.04.12 selbst gefahren. Natürlich möchten wir Ihnen diesen Reisebericht nicht vorenthalten.

Viel Vergnügen beim "schmökern"!

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Anfang August durfte ich die geführte Rückenwind-Tour von Prag nach Dresden mitfahren. In insgesamt fünf Radetappen sind wir mit einer kleinen Gruppe und unseren beiden Reiseleiterinnen, die ca. 225 Radkilometer entlang der Moldau und der Elbe geradelt. 

Am Anreisetag haben sich zuerst alle, nach der meist anstrengenden Anreise per Zug, bei dem gemeinsamen Abendessen im Hotel kennen gelernt. Der zweite Tag wurde dann genutzt, um die tschechische Hauptstadt zuerst zusammen mit einer Stadtführerin und anschließend auch alleine zu erkunden. Auch wenn wir an dem Tag kein Glück mit dem Wetter hatten, hat es sich doch gelohnt die Stadt mit den vielen interessanten Architekturen kennen zu lernen. Geendet hat der Tag mit einer Schifffahrt und einem leckeren Essen auf der Moldau. Am dritten Tag ging es dann los Richtung Dresden. Unser Ziel für den Tag war Melnik. Die erste Etappe war, wie alle anderen auch relativ leicht zu bewältigen und hatte nur einige kurze Steigungen. In Melnik angekommen wurden wir mit einer Weinprobe und einem Essen auf dem Schloss der Stadt überrascht. Von dort aus hatte man einen wunderbaren Blick über die kleine Stadt und den Zusammenfluss von Elbe und Moldau. Am nächsten Tag ging es, vorbei an Theresienstadt (wo sich ein Rundgang auf jeden Fall lohnt), weiter nach Leitmeritz. Die Mittagspause haben wir an dem Tag nicht in einem von den typisch kleinen Lokalen verbracht, sondern ein Picknick gemacht, das die Reiseleiterinnen für uns vorbereitet haben. Auch hier hatte die Gruppe am Abend wieder eine Stadtführung und ein sehr leckeres Essen im Hotel. Am fünften Tag ging es weiter am Rande der Böhmischen Schweiz nach Decin. Die vorletzte Etappe am sechsten Tag brachte uns nach Pirna und somit wieder nach Deutschland. Die Strecke führt direkt entlang der Elbe und jeder durfte in seinem Tempo radeln, sodass auch immer genug Zeit war, um Fotos und kleine Pausen zu machen. Das Highlight auf dieser Etappe war die Besichtigung der Festung Königsstein, die jeder Teilnehmer für sich selbst erkunden konnte. Die letzte und kürzeste Radetappe am 7. Tag nach Dresden war schnell geschafft und somit war auch noch genug Zeit die Stadt auf eigene Faust kennen zu lernen, bevor wir eine Stadtführung mit der Gruppe hatten. Nach der Übernachtung in Dresden ging es dann nach einer schönen und interessanten Woche morgens wieder zurück nach Oldenburg.

Wir haben die o.g gebuchte Reise, die von Ihrem Partner EUROBIKE durchgeführt und betreut wurde, mit großem Vergnügen mitgemacht.
Mit großen Erwartungen fuhren wir am Samstag, den 07.05 2011 nach Amsterdam. Dort konnten wir um 15.00 Uhr einschiffen. Wir wurden vom Personal der MS Serena freundlichem empfangen.
Wir bekamen das Schiff gezeigt, welches über ein gemütliches Restaurant, einen Salon und Bar verfügt. Des Weiteren gibt es ein teilweise überdachtes Sonnendeck mit Sitzplätzen und Abstellmöglichkeiten für die Fahrräder.

Um 17.00 Uhr ging die Fahrt mit der MS Serena dann los. 
Wir verließen die Hafen von Amsterdam in Richtung Horn, wo wir über Nacht anlegten.
Am 2. Tag konnten wir dann nach einem reichlichen Frühstück mit dem Fahrrad von Hoorn nach Enkhuizen fahren. Da im Reisepreis Vollpension enthalten war, konnten wir uns morgens ein Lunchpaket für den jeweiligen Tag erstellen. Da die Radtouren individuell sind und jeden Gast selbst entscheiden kann ob er den Tag an Bord verbringt oder Fahrrad fährt, gab es auch einen Mittagsimbiss für die an Bord gebliebenen Passagiere.
Am 3 Tag ging es mit dem Schiff von Enkhuizen nach Lemmer (oder mit dem Fahrrad). Der 4. Tag ging dann weiter von Lemmer nach Stavoren und von dort mit dem Schiff nach Oudeschild auf der Insel Texel. Wir hatten den nächsten Tag zur freien Vergügung und konnten uns den ganzen Tag auf Texel aufhalten, um die Insel mit dem Fahrrad zu erkunden oder diverse Besichtigungen zu unternehmen. Am 6. Tag für das Schiff dann weiter nach Alkmaar mit dem berühmten Käsemarkt. Am letzten und 7. Tag ging es dann von Alkmaar über Wermerveer nach Amsterdam zurück.

Zu den Besonderheiten dieser Reise zählten Besichtigungen wie das Zuiderzeemuseum in Enkhuizen, der Besuch eines Käsehofes, Besichtigung der Bierbrauerei auf Texel und am letzten Abend die Grachtenrundfahrt in Amsterdam.

Die Fahrratouren in Holland sind außergewöhnlich gut von der Landschaft her und die Beschreibung der Radwege mit Ihren Knotenpunkten. Jeden Abend wurden die Radtouren für den kommenden Tag mit dem Reiseleiter besprochen.

Die Besatzung auf dem Schiff - von den Reinigungskräften bis zur Kapitänin - waren super. Die Fahrradtouren waren toll organisiert und die abendlichen Aufenthalte in den Hafenstädten oder auch an Bord waren sehr gemütlich.
Die Verpflegung war rund um in Ordnung und die gesamte Reise war Dank des tollen Wetters eine super Woche.
Die Reise werden wir sicherlich noch in ähnlicher Form wiederholen.

Mit freundlichen Grüßen
Hans Graef

04.08.2011

20.06.2006
Egal zu welcher Uhrzeit ich zur Hauptpost in Orange gehe – jedes Mal muss ich mich in eine Schlange einreihen. Zwar sind stets drei von vier Schaltern besetzt, aber die Geschäfte, die in Frankreich auf der Post erledigt werden müssen, scheinen vielfältig und mit viel Papierkram verbunden zu sein.

Die Angestellten geben auch gerne und geduldig Auskünfte, sind hier niemals schlecht gelaunt und immer freundlich. Von der Länge der Warteschlange lassen sich weder sie noch ihre jeweiligen Kunden beeindrucken, vielleicht wird dadurch das Warten entspannter: Niemand drängelt oder wird ungeduldig – schließlich weiß man ja vorher, dass es hier etwas dauern kann.

Für das Unterhaltungsprogramm sorgt die Post: Heute kam aus dem Büro der Postbank eine junge Dame, die an die Wartenden bunte Postkarten verteilte. Auf diesen Karten sind die Sondermarken der französischen Post zur Fußball-Weltmeisterschaft abgebildet: Motive aus der Welt des Fußballs, natürlich in den Nationalfarben gehalten – allez les Bleus! 

Dankbar für jede Abwechslung nimmt man dann widerspruchslos noch das Werbegespräch in Kauf, das mit dieser Aktion verbunden ist: Ich soll mir Geld zu einem Super-Weltmeisterschafts-Zins von der Post leihen. Das lehne ich dankend ab – als Ausländer würde ich wahrscheinlich über dem Ausfüllen der notwendigen Formulare das Endspiel versäumen.

Außerdem bin ich jetzt dran!

 

27.06.2006
Vor einigen Tagen ist mir eine Plombe aus einem Backenzahn rausgefallen – glücklicherweise habe ich keine Zahnschmerzen, dennoch muß eine neue Füllung in das entstandene Loch. Bei meiner Vermieterin erkundige ich mich nach einem Zahnarzt und bekomme eine Telefonnummer – zu diesem Zahnarzt würde ihre ganze Familie gehen. Ich rufe an und erkläre der Sprechstundenhilfe, warum ich einen Zahnarzt benötige. 

Mein Problem: Was heißt Plombe auf französisch? Jetzt weiß ich’s – Amalgame, eben eine direkte Sprache! Kurz und gut, sie hört sich alles an und sagt mir dann, dass der Doktor bis zu seinem Urlaub Anfang Juli keinen Termin mehr frei habe. Im August könnte sie mich eintragen. Solange wollte ich verständlicherweise nicht warten.  Es täte ihr sehr leid, aber der Terminkalender sei eben randvoll, ich solle es doch bitte bei einem anderen Zahnarzt in Orange versuchen.  Deswegen antwortete ich ihr, dass mir dann wohl nichts anderes übrigbliebe – es sei nur sehr schade, weil mir ihre Praxis von einer guten Bekannten empfohlen worden wäre. Sofort kam die Frage: „Von wem denn?“  Ich nenne den Namen meiner Vermieterin. „Hm, hm, ja …. Also da will ich mal mit dem Doktor sprechen, vielleicht können wir Sie noch irgendwo einschieben.“  

„Irgendwo einschieben“ konnten sie mich dann heute Vormittag. So musste ich nur eine Woche warten statt sechs. Der Zahnarzt ist wirklich empfehlenswert, schnell und sicher hat er mir die Plombe eingesetzt, sich nebenbei noch nach der Familie meiner Vermieterin erkundigt und mir aufgetragen, schöne Grüße von ihm auszurichten und zum Enkel zu gratulieren.
Selbstverständlich habe ich das gleich gemacht und mich für die Empfehlung bedankt, ohne die ich womöglich immer noch mit einem Loch im Zahn herumlaufen würde. 

Und gelernt habe ich, dass man hier seine „Beziehungen“ offensiv nutzen muss.

 

30.06.2006
Von den Cavaillon-Melonen habe ich bereits berichtet. Am liebsten kaufe ich sie bei Quasimodo, wann immer ich bei ihm vorbeikomme. Natürlich heißt er nicht so und in der Regel kaufe ich die Früchte bei seiner Schwester.  Diese hat ein Haus mit einem großen Garten direkt an der Strasse zwischen St.Rémy und Noves, südlich von Avignon. Dort baut sie hauptsächlich Melonen und Knoblauch an, ihre Melonen erntet sie grundsätzlich nur ausgereift – einfach wunderbar. Bis ich zu Hause bin, duftet es schon im VW-Bus nach Melonen, alleine diese Vorfreude auf den Genuss macht die Zeit bis zum Feierabend unerträglich lange. Wie gesagt, in der Regel kaufe ich bei Madame.

Einmal ließ sich trotz klingelns niemand blicken. Ich bediente mich an der ausgebreiteten Ware auf dem Verkaufstisch vor dem Haus und sah mich um, wo ich denn mein Geld hinterlegen könnte. Schließlich kam eine Gestalt aus dem Dunkel des Hauses auf mich zugeschlurft, die mich an sofort an Quasimodo denken ließ – den „Glöckner von Notre-Dame“. Er hielt eine Plastikschale in der einen Hand und in der anderen ein Schild: „Ich kann nicht sprechen, ich kann Sie nicht verstehen und ich hoffe, dass Sie mich nicht bescheißen!“ So lernte ich Madames taubstummen Bruder kennen, der seine festen Aufgaben in ihrem Haushalt hat. Unter anderem ist er für das Flechten der Knoblauchzöpfe zuständig und hat darauf zu achten, dass niemand ohne zu bezahlen verschwindet. 

Und Hand aufs Herz – würden Sie jemanden bescheissen, der Ihnen mit einem solchen Schild entgegenkommt?

 

01.07.2006
Ab morgen habe ich zehn Tage frei und werde das für einen „Heimaturlaub“ nutzen. 

Heute geniesse ich noch einmal die Landschaft, die unter der Sommersonne weißlich schimmert. Die blühenden Sonnenblumen und der Lavendel geben einen starken Kontrast, die Oleanderhecken bilden ein Blütenmeer in rot und rosa um die Häuser. In den Aprikosenplantagen leuchtet es orange, am Wegesrand verwöhnt die Wegwarte das Auge mit mildem Blau und kräftigem Rosalila. 
An solchen Tagen kann ich van Gogh verstehen, der sich an den Farben der Provence berauscht hat! 

Und zu alledem das Singen der Zikaden, das ohrenbetäubend sein kann und mich dennoch so beruhigt. Von Mitte Juni bis Ende August verkünden sie das gute Wetter, denn unter 22 Grad singen sie nicht. 
Sommer in der Provence! 

 

14.07.2006
Kaum zurück in der Provence, kann ich noch mal einen kleinen Blick in die Nationalseele der Franzosen werfen.
Zum einen im Umgang mit Zindine Zidanes berüchtigtem Kopfstoß im WM-Endspiel – der ihm natürlich verziehen wird. Der Präsident höchstselbst hat zwar mahnend den Zeigefinger erhoben, aber dabei dem Volk aus der Seele gesprochen: Das Verhalten von Zizou ist unentschuldbar, aber menschlich nachvollziehbar nach den verbalen Ausfällen des Italieners. Der große Held ist auch nur ein Mensch –deswegen wird er geliebt, und deswegen ist er bei seinen Landsleuten neben Abbé Pierre immer noch der beliebteste lebende Franzose.
Zum anderen im Umgang mit dem Thema Reichtum. Zum heutigen Nationalfeiertag werden nicht nur Orden verliehen und besondere Verdienste um die Nation öffentlich geehrt, auch das Selbstbewusstsein der Franzosen  wird durch die Veröffentlichung von Statistiken und Umfragen gestärkt. So meinen  etwa ein Drittel der Franzosen, dass man sich bereits als reich betrachten kann, wenn man zwischen 1000 und 3000 Euro im Monat übrig hat – Geld, mit dem man sich nach den täglichen und notwendigen Ausgaben das Leben versüßen kann. Ich schließe daraus, dass für viele Franzosen – und natürlich Französinnen – das Geld in erster Linie Mittel zum Zweck ist, sich den Alltag so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Hälfte der Franzosen ist zudem der Meinung, dass ihre reichen Landsleute sich ihr Vermögen redlich verdient haben, entweder durch ihre Arbeit oder ihre Fähigkeiten. Von Neidgesellschaft ist da nicht viel zu spüren.

Eine junge Dame aus Avignon, die dieses Jahr zu den 7000 ausgewählten gehörte, die mit dem Staatspräsidenten den Nationalfeiertag begehen durften, drückte dazu passend ihre Empfindungen aus:

 „ Man wird sich darüber klar, dass es ein großes Glück ist, Franzose zu sein.“

26.05.2006
Nachmittags muß ich des öfteren unsere Radler von Saintes-Maries-de-la-Mer zurück nach Arles ins Hotel bringen. Einmal Camargue und zurück – an manchen Tagen ein Genuß, wenn etwa im April die Tamarisken blühen, oder wenn auf halber Strecke ein Wiedehopf meinen Weg kreuzt. Den sehe ich regelmäßig, er scheint irgendwo am Weg zu brüten. Jetzt, wenn die Tage wärmer werden, liegen die Stiere dösend auf den Weiden und die wenigen echten Camargue-Pferde, die ich zu sehen bekomme, drücken sich ins Röhrendickicht der Rosaliere.
In Saintes Maries treffe ich mich mit meinen Gästen stets auf dem Omnibus-Parkplatz am Hafen. 

Manchmal bin ich bereits eine halbe Stunde oder 20 Minuten eher da, stelle mich mit meinem VW-Bus zwischen die großen Reisebusse und beobachte ein wenig, was so passiert. 
Im Frühjahr sind immer viele Nord-Italiener – Padanier - in der Provence unterwegs, 
oft Jugendliche, die zum Ende des Schuljahres wohl einen Ausflug machen.

Ein Stück neben mir beginnt ein jüngerer italienischer Busfahrer, in der prallen Nachmittagssonne einen Campingtisch vor seinem Bus aufzubauen. Dann holt er aus einer Tüte einige Baguette hervor und beginnt, diese zu halbieren und anschließend aufzuschneiden. Schließlich bringt er aus einer anderen Tüte ein riesiges Glas Nutella ans Tageslicht – die echte, Herr Ferrero ist ja schließlich ein guter Padanier! Und nun werden die Baguette-Teile dick mit der Nusscreme beschmiert und der Nachmittagssonne ausgeliefert – „Nutella all’eco-forne“ scheint eine in Deutschland noch wenig bekannte italienische Spezialität zu sein. 
Jedenfalls warte ich auf die Schulklasse, für die er sich offensichtlich diese Mühe gemacht hat – wahrscheinlich lauter schnuckelige Signorinas, bei denen er sich einschmeicheln will. Um mal meine Vorurteile über italienische Busfahrer einzugestehen! Nach einer Viertelstunde etwa taucht dann die „Schulklasse“ auf – überwiegend ältere Damen jenseits der 50, die sich begeistert auf die sonnenverwöhnten Nutellabrote stürzen und ihren fürsorglichen Chauffeur hochleben lassen. 
Jedenfalls bin ich mir nach diesem Schauspiel sicher, dass „Mamma Miracoli“ keine Erfindung der Werbefachleute ist, sondern nackte Realität.

 

01.06.2006
Es wird an der Zeit, ein Geständnis abzulegen: Ich bin ein überzeugter „Tunker“. 
Das heißt, ich tunke mein Brot morgens mit Vorliebe in den Milchkaffee und esse ein, zwei Löffel Konfitüre extra dazu. Eine Frühstückskultur, die an obige Nutellabrote heranreicht, mag mancher denken. 
Sei’s drum, chacun à son goût – wie es hier heißt!
Gekaufte Marmelade kommt dabei nicht in Frage – hausgemacht muss sie sein. 

Glücklicherweise werde ich hin und wieder in unserem Hotel Nevons in Isle-sur-la-Sorgue mit Nachschub versorgt. Madame kocht für ihre Gäste die Marmeladen selbst, meist aus Garten-Früchten und mit viel Leidenschaft. 
Sie hat beim Ausbau des Hotels im letzten Jahr extra einen großen Feigenbaum versetzen lassen, der ansonsten den Baggern zum Opfer gefallen wäre: 
„Der hat besonders gute Früchte!“ erzählte sie mir und zum Beweis bekam ich ein Glas Feigenmarmelade, die einen wunderbar malzigen Geschmack hatte. 
Heute hat sie eine ausgefallene Leckerei für mich. 
Konfitüre von der Mérimille – eine Wassermelonenart, die hier ab Mitte September auf den Markt kommt und ausschließlich für Konfitüre verwendet wird. Ein großer Rugby-Ball mit dunkelgrüner Schale, auf französisch Citre genannt und bis zu 15 Kilo schwer – so findet man diese Frucht auf den herbstlichen Märkten der Provence. Ihr einheimischer Name Mérimille gefällt mir besser, das spricht sich so weich und süß und kräftig und gibt einen Vorgeschmack auf diese Marmelade, die so wunderbar schmeckt – ein Glück, dass die provencalische Sprache nicht ausgestorben ist.

 

07.06.2006
In Caveirac, wenige Kilometer außerhalb von Nimes, ist die Kirche noch im Dorf geblieben.
Der Kontrast zu der stets hektischen und umtriebigen Großstadt Nimes könnte schärfer nicht sein.
Acht kurze Radkilometer genügen, um  vom verkehrsumtosten Carree d’Art  - dem Kulturpalast des Stararchitekten Norman Foster -  im Zentrum von Nimes in die ländliche Idylle der Cevennen zu kommen. 
In der Bar am Dorfbrunnen warte ich auf eine Radlergruppe, um sie ins Zentrum von Nimes zu lotsen. Nachmittags um 16 Uhr ist viel Betrieb – nach der Arbeit treffen sich die Männer, um bei einem Glas Wein oder Bier Männergespräche zu führen. Über Sport, Angeln, Jagen, die Arbeit, natürlich Politik und vielleicht auch über Frauen – jedenfalls herrscht lautes Stimmengewirr – und man ist unter sich. Keine Fremden, keine Frauen – letzte Rückzugsmöglichkeit einer patriarchalen Gesellschaft. Autos bleiben auf der Dorfstrasse stehen, die Fahrer führen aus dem Wagen heraus Gespräche mit ihren Freunden in der Bar – Feierabendzufriedenheit macht sich breit.
Am Brunnen muss irgendetwas gemacht werden, der Gemeindearbeiter steigt dazu einfach ins Wasser  und hat so Gelegenheit, sich bei der Arbeit in der Nachmittagshitze etwas zu erfrischen. Weil er natürlich die Barbesucher kennt, entwickeln sich bald spritzige Wasserspiele mit viel Gelächter und Kindereien. 

Die Lebensfreude, die dabei zum Ausdruck kommt, überträgt sich – noch lange könnte ich sitzen bleiben. 
Aber da kommen die Radler, die Arbeit ruft. 
Ich zahle.

 

10.06.2006
Beim Gepäcktransport fahre ich immer mal wieder von Avignon nach St.Rémy und dabei streckenweise durch eine Wiesenlandschaft. 
Im Frühjahr freue ich mich stets auf die Wiesenblumen, die hier noch in großer Vielfalt blühen. 
Es gibt noch ein paar Schafherden und ein Obstgroßhändler hält hier als Hobby eine Herde von etwa 100 Pferden – dazu im Hintergrund der Felsgrat der Alpillen – man könnte am Steuer fast romantisch werden. Und heute habe ich auch noch das Rollier-Pärchen gesehen, das ich schon vermisst hatte. Der Rollier – zu deutsch Blauracke – ist Elster-groß und sein Gefieder ist tatsächlich leuchtend metallisch blau, zumal während der Paarungszeit im Frühjahr. 
In der Naturschutzstation in der Camargue erklärte mir die nette Dame an der Auskunft, dass diese Vögel sehr selten sind und ich glücklich sein kann, sie hin und wieder zu sehen. Die letzten zwei Jahre sah ich dieses Vogelpaar stets an der gleichen Stelle auf einer Stromleitung sitzen, dieses Jahr habe ich sie noch kein Mal vor Augen bekommen und war schon etwas traurig. 
Umso größer die Freude heute und die Gewissheit, dass hier die Welt doch noch in Ordnung ist.

 

16.06.2006
Melonenzeit – vier Monate lang, bis Mitte September, gibt es die guten Cavaillon-Melonen, die hier in Massen verzehrt werden. 
Süß und saftig sind sie eine herrliche Erfrischung in der sommerlich-sonnigen Provence. 
Und weil sie in der Region überall angebaut werden, sind diese Melonen in hervorragender Qualität zu bekommen – auf dem Feld ausgereift und direkt beim Erzeuger gekauft sind sie am besten.
Für das Picknick bei unseren geführten Touren mache ich gerne einen Melonensalat, nach dessen Rezept die Gäste mich oft fragen – voilà, Melon salé:

Kochen Sie pro Person etwa 50gr. Langkornreis in reichlich Wasser – noch besser Brühe – gar. 
Abgiessen und abschrecken, damit der Reis nicht nachquillt und verklebt!
Pro Person eine halbe Cavaillonmelone – heißt  manchmal auch Cantaloupmelone – in feine Würfel schneiden, ebenso ein Stück grüne Paprika und etwas Zwiebelgrün – letzteres muß allerdings nicht sein! 
Ein paar Walnüsse zerdrücken – möglichst die guten Noix de Grenobles. 
Alles gut durchmischen und eine gute Vinaigrette drübergießen: Zitronensaft, mildes Olivenöl, Salz, etwas Pfeffer. Nochmal durchmengen und durchziehen lassen. Der Salat soll gekühlt, aber nicht kalt sein, sonst geht der Geschmack der Melone verloren. Falls gewünscht, können noch ein paar feingeschnittene Streifen roher Schinken dazugegeben werden. 
Das peppt das Ganze etwas auf,  dagegen ist die vegetarische Variante erfrischender.   

18.05.2006
In Sarrians, einem kleinen Dorf, zwischen Orange und Carpentras gelegen, war neulich ein Markt, auf dem regionale Erzeugnisse verkauft wurden. Immer auf der Suche nach Leckereien, die wir unseren Gästen beim täglichen Picknick während der geführten Touren auftischen können, habe ich mich dort natürlich umgeschaut. 
An einem Stand gab es neben vielerlei Konfitüren auch Confit d’Oignons – süß-sauer eingekochte weiße Zwiebeln mit Rosinen und Gewürzen. 
Sehr beliebt zu gegrilltem und gebratenem Fleisch – von mehreren regionalen Betrieben hergestellt und in jedem Lebensmittelladen erhältlich. Im Laufe der Jahre habe ich mehrere Erzeugnisse probiert, wobei das Geschmackserlebnis von labberig-fade bis würzig reichte. 
In Sarrians machte mich der Geruch des Confit neugierig und das erste Löffelchen versetzte mich ins Zwiebelparadies:  Würzig nach Lorbeer und Ingwer schmeckend ohne die Zwiebeln zu erschlagen, ausgewogen mit leichter, anregender Schärfe – einfach himmlisch. 
Ein Genuss, den ich gerne mit unseren Gästen teile! 
Also habe ich mehrere Gläser gekauft, um die Gäste der geführten Gruppen damit zu verwöhnen.

 

19.05.2006
Noch etwas anderes gab es in Sarrians – natürlich Wein von Winzern der Umgebung. Unter anderem einen Vacqueyras, der mir sehr zusagte. Vacqueyras, ein Nachbarort von Sarrians, ist einer der 15 Crus des „Cotes du Rhone“ – Anbaugebietes, ist also einer der besten Weinorte der Region. Im Gespräch mit Madame stellte sich heraus, das unsere Radler durch die Weinfelder des Gutes fahren. So lässt sich beim Picknick eine ideale Verbindung zum Tischwein herstellen. Deswegen bin ich heute zum Hof gefahren, um ein paar Flaschen zu kaufen – „Bitte erst Mittags kommen, wir erzeugen noch Erdbeeren und sind deswegen den ganzen Vormittag auf dem Feld“. Ein kleiner Familienbetrieb, der neben Obst und Gemüse auf 13 ha Wein anbaut. 
Heute lerne ich auch Monsieur kennen, der den für einen Winzer passenden Namen Bouteille trägt – und sind uns sofort sympathisch: Wir sind beide im selben Alter und tragen beide einen buschigen Vollbart. Unter einer riesigen, uralten Linde, die den Innenhof beschattet, kommen wir ein wenig ins Gespräch und irgendwie auf das Nord-Süd-Verhältnis in Frankreich und Deutschland. Sein Eindruck wäre, dass die Süddeutschen „plus latin“ wären und die Norddeutschen „plus prusse“ – zwei treffende Beschreibungen, die sich mit meinen deutschen Alltagserfahrungen decken. Wahrscheinlich weil ich als Allgäuer auch „plus latin“ bin! Jedenfalls muss ich ihm recht geben, was unsere gegenseitige Sympathie nur festigt. 
Und ich bewundere wieder einmal diese Sprache, die kurz und prägnant scheinbar komplizierte Dinge auf den Punkt bringen kann.

 

22.05.2006
Mein geliebter Schatz ist gerade zu Besuch und heute bin ich ausnahmsweise mit meiner Arbeit gegen Mittag fertig, so können wir danach einen kleinen Ausflug machen. 
Zuerst fahren wir nach Cavaillon auf den Wochenmarkt. 
Ute findet hier ein pfiffiges und schickes Sommerkleid und ich kann mich meiner Leidenschaft hingeben: dem Betrachten von Marktständen, die alle Arten von Lebensmitteln verkaufen. Mittags essen wir – nur dem Ambiente wegen – im „Fin de Siecle“, einer Bar, die unter Denkmalschutz steht. Wände und  Plafond sind im Originalzustand der „Belle Epoque“ erhalten – als sich hier bereits eine Gaststätte befand. Das Menü ist übrigens gut, der rote Tischwein angenehm gekühlt, wie es sich in dieser Region im Sommer gehört, und der Kaffee schmeckt unter dieser Stuckdecke noch mal so gut.
Am Nachmittag fahren wir nach Salon, schlendern ein wenig durch die Stadt und entschließen uns, das Armeemuseum zu besichtigen – im Umgang mit der militärischen Vergangenheit lässt sich vielleicht einiges über die Nationalseele erfahren! Diese Außenstelle des Nationalen Armeemuseums in Paris im Chateau de l’Empéri basiert im wesentlichen auf einer Uniformsammlung, die die Zeit von 1700 bis 1918 umfasst. Äußerst spannend, zumal nichts im historischen Zusammenhang erklärt wird – Mannschaften kommen übrigens so gut wie gar nicht vor, das militärische Leben scheint erst vom Unteroffizier aufwärts zu beginnen. Ich vermute, dass hier die „Grande Nation“ ihre Vergangenheit so darstellt, wie es der Staatsräson entspricht. Und wie nach Meinung einiger Gralshüter der Franzose seine Vergangenheit zu sehen hat – insofern also doch aufschlussreich, auch wenn wir uns stellenweise in ein Kuriositätenkabinett des 19.Jahrhunderts zurückversetzt fühlten. 
Die Nationalseele entdeckten wir dann in einem Raum, der mit Devotionalien des kleinen Korsen vollgepfropft ist – Napoleon Bonaparte als Heiligenersatz in einem Land, das die strikte Trennung von Kirche und Staat als Vermächtnis der Revolution pflegt. Natürlich Krümel von der Erde seines Grabes, Haare von seinem Haupte und ein Becher, aus dem er höchstselbst getrunken hat …. 
Wir kennen dergleichen ja von jedem besseren Reliquienschrein in katholischen Wallfahrtskirchen. 
Am meisten beeindruckt haben mich ein  Paar Handschuhe, die der Kaiser gelegentlich in einer Kneipe vergessen hat. Lederhandschuhe ohne große Verzierungen, ganz einfach, zum täglichen Gebrauch gedacht. Der Wirt hat sie - natürlich - aufbewahrt, diese Handschuhe wurden über mehrere Generationen samt zugehöriger Geschichte weitervererbt, überstanden in dieser Familie alle ruhigen und unruhigen Zeitläufe und Weltanschauungen, bis sie endlich in diesem Museum landeten, weil sie erst hier, nach über 150 Jahren, angemessen ausgestellt werden konnten: In einem Glasschrein auf Samt! Da kann man nur mit Napoleon Bonaparte antworten: „Impossible n’est pas francais!“

12.05.06
Für die Gäste auf unseren geführten Touren gibt es mittags in der Regel ein Picknick. Den Wein dafür kaufe ich vorzugsweise direkt bei Winzern; die entlang der Radel-Route ihre Weingärten bebauen. Im Lauf der Jahre baut sich mitunter eine persönlichere Beziehung auf, da setzt mich der Winzer schon mal in seinen Pick-Up, um mir voller Stolz seine neuen Anpflanzungen zu zeigen und ein anderer erklärt mir seine archäologischen Funde, die er immer mal wieder in seinem Rebgarten macht, in dem unter der Erde eine römische Villa verborgen ist.
Der Weinbau steckt zur Zeit in einer Krise. Selbst die Franzosen trinken nicht mehr soviel Wein. Und die klassischen Absatzmärkte wie USA und Australien produzieren inzwischen genügend eigenen Wein. Das Gejammer der Verbandsfunktionäre ist allgegenwärtig - glücklicherweise gibt es Winzer, die sich zu helfen wissen.

Monsieur Gérin von der Domaine des Orgnes in Montfrin erzeugt neben Wein noch Kirschen und Aprikosen auf einem Gut, zu dem eine alte Wassermühle gehört. Diese hat er umgebaut als Jugendgästehaus, in dem vor allem deutsche Jugendliche -Schulklassen, Ferienfreizeiten etc. - Urlaub machen. Zusätzlich hat er jetzt noch zwei Ferienhäuser mit vier großzügigen Wohnungen gebaut, in denen bis zu sechs Personen bequem Urlaub machen können - inmitten seines Olivenhaines. So schafft er sich zusätzliche Einnahmen. Ein neuer Verkostungsraum gehört natürlich auch dazu, den er gleich so geplant hat, dass dort größere Gruppen seinen Wein probieren und anschließend etwas Essen können. Er nutzt die Krise als Chance seinen bisher rein landwirtschaftlichen Betrieb nach außen zu öffnen und auf einem geänderten Markt zu überstehen. Nicht zu vergessen, das Wichtigste dabei ist die Qualität seines traditionellen Cotes du Rhone, den er in rot und weiß erzeugt und auf eine möglichst gleich bleibende Qualität der Jahrgänge achtet. Seine Arbeit wird inzwischen regelmäßig mit Medaillen bei professionellen Weinverkostungen belohnt - unsere Gäste können seinen Roten bei einem Picknick in einer kräuterduftenden Wiese unweit des Dorfes Meynes genießen.

 

15.5.2006
Montag-Nachmittag in Avignon. 
Die Anfahrt zu unserem Hotel Medieval ist an sich schon Maßarbeit - mein VW -Bus passt genau durch die engste Stelle der Gasse, in der das Hotel liegt. Heute versperrt mir ein Schild "Route barrée" den Weg - glücklicherweise ist hier einiges unkomplizierter als in Deutschland. Also schiebe ich die Sperre zur Seite und fahre zum Hotel, die Baustelle ist erst ein paar Meter hinter dem Hoteleingang - kein Bauarbeiter sagt irgend etwas!
Das nächste Hindernis stellt heute der Hoteleingang dar – irgend etwas an der elektrischen Schließanlage ist defekt. Ein Elektriker hat den zugehörigen kleinen Kasten aus der Wand ausgebaut und fummelt daran herum, und ausgerechnet der umfangreichste der drei Hotel-Rezeptionisten muss den Kasten halten und blockiert mindestens die Hälfte des Eingangs. An diesem Duo vorbei schlängle ich mich mit den Koffern unserer Radel-Gäste ins Innere, bemüht, die beiden Herren nicht anzurempeln. Plötzlich höre ich den Ruf: "Rückenwind, komm mal her!" in dem unvergleichlichen Deutsch des Rezeptionisten. Zwei Gäste, die an den beiden vorbei aus dem Hotel gelangen wollten, sind bei ihren Bemühungen über die Stufe am Eingang gestolpert - glücklicherweise ist nichts passiert, dennoch kümmert sich der Rezeptionist um die beiden. Das heißt, er will sich kümmern und muß vorher den Kasten loswerden, da trifft es sich gut, dass "Rückenwind" den Kasten halten kann. Was "Rückenwind" natürlich auch macht. Also blockiere ich jetzt mit dem Elektriker zusammen den Hoteleingang, halte einen kleinen elektrischen Kasten und sehe dem Handwerker zu, der versucht, einen feinen grünen Draht mittels einer kleinen Schraube an diesem Kasten zu befestigen. Das ist nicht ganz so einfach, zumindest, wenn man wie der Meister mindestens 80 Jahre auf dem Buckel hat, nicht mehr so gut sieht und etwas zittert - eine Szene, die man nicht erfinden kann! 
Die Schraube muss natürlich passen - irgendwo im Gebäude scheint es ein Schraubenlager zu geben, denn Monsieur verschwindet drei oder viermal, um jeweils mit einer anderen Schraube zurückzukommen, bis endlich eine passt. Ich stehe zwischenzeitlich als Denkmal der Technik mit diesem Kasten in der Hand im Hoteleingang und erwidere die Grüße der Hotelgäste. Mit dem Elektriker komme ich auch nicht in die Gänge, da er den diversen Schrauben und dem kleinen grünen Draht seine volle Aufmerksamkeit widmen muss.
Glücklicherweise hält mich der Rezeptionist mit seinen bruchstückhaften deutschen Sprüchen bei Laune, die er mir immer mal zuwirft - ansonsten ist er mit dem gestürzten Ehepaar und dem Telefon beschäftigt.
Schließlich ist der Draht mit der richtigen Schraube befestigt, der Kasten sitzt wieder in der Wand, sowohl das Ehepaar als auch der Rezeptionist haben sich vom Schrecken erholt - und "Rückenwind" kann endlich weiterfahren.

30. April 2006
Über Politik zu schreiben verbietet sich eigentlich von selbst. Mit einigen Provencalen ist ein politischer Meinungsaustausch nach gewisser Zeit des gegenseitigen Kennens durchaus möglich, ansonsten eher verpönt. 
Zumal ich mit vielen "geschäftlich" zu tun habe. Da will keiner den anderen vor den Kopf stoßen.

Aber über die Fremdenlegion kann ich berichten, die in Orange eine wichtige Rolle spielt. 
Nahezu 10 % der Legion, knapp 1000 Mann, sind hier in einer Kaserne stationiert. Und da die Herren jeden Tag drei Stunden Sport treiben müssen, gehören joggende Legionäre im Sportdress oder, angetan mit Kampfanzug und schwerbepacktem Rucksack, im Laufschritt zum Stadtbild von Orange. Viele sind verheiratet und haben Kinder, nehmen am öffentlichen Leben Teil. Ein ganzes Stadtviertel gleich bei mir um die Ecke wird von Legionärsfamilien bzw. pensionierten Legionären bewohnt. Die "Legion" stellt also nicht nur einen relevanten Anteil an der Bevölkerung, sondern ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Stadt. 
Deutlich wird das jedes Mal am 30. April, dem höchsten "Feiertag" der Légion Étrangère. An diesem Tag haben 1863 im mexikanischen Bürgerkrieg 62 Legionäre auf Seiten des Marionettenkaisers Maximilian im Ort Camerone gegen 2000 Kavalleristen der republikanischen mexikanischen Truppen gekämpft - bis zum letzten Mann, wie es verklärend heißt. 
Bis heute sollen an diesem Tag die Ideale der Fremdenlegion gefeiert werden.

Und es ist der Tag, an dem die neuen Legionäre vereidigt werden. Seit ein paar Jahren hat diese Vereidigung auf Anweisung des Staatspräsidenten öffentlich zu erfolgen. In Orange dient dazu als einmalige Kulisse das römische Theater, in dem sich die Rekruten auf den Rängen im Halbkreis aufbauen, in Paradeuniform mit MG und aufgepflanztem Bajonett. Mit viel Tschingderassabum und zackigen Parolen geht das von statten. Die Bevölkerung ist herzlich eingeladen - übrigens eine einmalige Gelegenheit, umsonst ins Theater zu kommen. Altgediente Legionäre im Ruhestand in legionsgrünen Sakkos, behangen mit ihren Orden und Auszeichnungen vervollständigen das Bild.
Nach der Vereidigung - dem "mise kepi"- geht es dann im wiegenden Paradeschritt der Legionäre durch Orange zur Kaserne - jetzt bekommt man erst eine Vorstellung, welche Menge an Soldaten und Offizieren hier untergebracht sind. Dabei wird das Lied des örtlichen Regiments - nicht gesungen - sondern eigenartigerweise gepfiffen. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass mir dabei der kalte Schauer den Rücken herunter läuft.
In der Kaserne beginnt dann ein Tag der offenen Tür, auch eine Neuerung, mit der die Verbundenheit der Legion mit der Bevölkerung zum Ausdruck kommen soll. Am Abend wird dann passend zum Tag die "Miss Kepi" gewählt - aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

 

6. Mai 2006
In Orange gibt es eine verdienstvolle Einrichtung: "La Ruche" - ein Trödelladen, dessen Erlös sozialen Zwecken zukommt. Er wird von einem katholischen Frauenverein betrieben, alles, was zum Verkauf angeboten wird, ist gespendet und die Frauen arbeiten ehrenamtlich in dem Laden, der ebenfalls kostenlos zur Verfügung steht. Für mich besonders verdienstvoll, da ich dort für ein paar Euro gebrauchte Bücher erstehen kann. So kann ich meinem immer noch mangelhaften Französisch ein wenig auf die Beine helfen und gleichzeitig meinen Lesehunger befriedigen. Beim letzten Besuch erstand ich dort ein Taschenbuch, zuerst erschienen Mitte der 50er Jahre, in der die Eigenheiten des französischen Lebens aus Sicht eines in Frankreich verheirateten Engländers geschildert werden. Überaus amüsant - und einiges hat sich in den 50 Jahren seitdem nicht verändert.
Einiges natürlich schon, gottlob. So wird man heute kaum noch, wie damals, eine Familie finden, in der seit Generationen jeweils ein Sohn dazu verdonnert wurde, die deutsche Sprache zu lernen. Und zwar mit folgender Begründung: Damit sich ein männliches Familienmitglied mit den deutschen Besatzern im nächsten Krieg unterhalten kann und man auf diese Weise vielleicht der Familie Erleichterungen verschafft. Gut, das ist glücklicherweise vorbei. 
Heute wird Deutsch gelernt, weil man neben Englisch eine zweite Fremdsprache belegen muss. Und wir kommen als friedliche Touristen und können etwas Französisch, weil man neben Englisch noch eine zweite Fremdsprache lernen muss. Hier haben 60 Jahre ohne Krieg viele Wunden geheilt.

Neben einigen anderen Dingen unverändert ist die Lust zumindest der Provencalen - über andere Regionen maße ich mir kein Urteil an - am Gespräch, genauer gesagt an dem, was der Süddeutsche unter "Ratschen" versteht. Für ein kleines Schwätzchen muss immer Zeit sein mit einem Gegenüber, dem man dabei in die Augen blickt. Das macht das tägliche Zusammenleben ein wenig menschlicher, andererseits Z.B. meinen Tagesablauf nicht so genau planbar. Denn nichts wäre unhöflicher, als sich mit einem kurzen Adieu zu verabschieden, wenn etwa der Hotelier, der Bäcker oder der Fahrradhändler noch zu einem kurzen Schwätzchen aufgelegt ist.

Der Fahrradhändler, Monsieur Picca in Orange, ist ein hagerer Mann von etwa 50 Jahren. Er würde vom Aussehen in jede "Tour" - Equipe passen. Wenn man ihn sieht, weiß man sofort, dass man es mit einem Menschen zu tun hat, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Und eigentlich wollte ich nur eben schnell ein Fahrrad abholen, das ich dort zur Reparatur abgegeben hatte. 
Samstagvormittag ist der Laden gut besucht, aber jetzt müssen die Kunden erstmal warten, den Monsieur Picca interessiert sich für die Art von Fahrradtourismus, die Rückenwind anbietet - und ich muss ihm alles genau erklären. Und dann muss er mir ein wenig von seinen Zukunftsplänen erzählen und dass er schon lange plant, seinen großen Bauernhof, auf dem er wohnt, auszubauen. Um dort radelbegeisterte Urlauber aufzunehmen, die die schöne Region um den Mont Ventoux erkunden wollen. Ein Wort gibt das andere, und unversehens sind 10 Minuten vergangen. Die restliche Kundschaft wartet geduldig, fängt vielleicht untereinander ein Gespräch an – kein Gemurre oder Gedrängel!
Ich gehe schließlich auch gutgelaunt aus dem Laden. Wir haben beide, Monsieur Picca und ich, ein wenig von unseren Emotionen preisgegeben; der menschliche Kontakt ist hergestellt und das ist eindeutig wichtiger, als die 10 Minuten, die mir hinterher vielleicht an meiner Mittagspause fehlen.

Hans Wüst